Prozess um Mordversuch in Freudental „Ich wollte von dem allem weg“

Von Petra Häussermann
Der Prozess gegen die Angeklagte wird weiter vor dem Landgericht Heilbronn verhandelt. ⇥ Foto: Marijan Murat

Eine 42-Jährige aus Freudental ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Sie soll ihren Freund in Brand gesetzt haben.

Viel Geduld mussten Gericht und Sachverständige bei der Befragung sowohl der Angeklagten als auch dem Opfer im Prozess um einen versuchten Mord in Freudental am zweiten Verhandlungstag aufbringen. Doch auch nach mehr als drei Stunden ergab sich aus den Antworten kein klares Bild des Geschehens vom 21. Oktober 2021. Entgegen der Ankündigung ihrer Verteidigerin äußerte sich die Angeklagte am Donnerstag vor dem Landgericht Heilbronn nicht zum Vorwurf der Staatsanwaltschaft, sie habe damals gegen Mitternacht einen Bekannten unvermittelt mit Spiritus übergossen und angezündet.

Genau diese Vorgehensweise hat die gelernte Schreinerin bei sich selbst angewendet, um sich nach dem Tod ihres Vaters das Leben zu nehmen, erzählte sie im Gerichtssaal. Ihr Fazit, sie habe eine ‚gute Kindheit‘ gehabt, erstaunte angesichts der Schilderungen: Die Eltern hatten sich getrennt, als sie gerade sechs Jahre alt war, der Vater war Alkoholiker, der neue Freund der Mutter ein Schläger. Früh zog ihr älterer Bruder aus, da fühlte sie sich allein und zurückgelassen. Der Bruder wurde heroinabhängig und starb im gleichen Jahr, als ihr Sohn geboren wurde.

Vom Kindsvater getrennt

„Ich wollte von dem allem weg, deshalb bin ich nach Stuttgart“, sagte die Angeklagte mit leiser Stimme. Im Alter von 20 Jahren ging sie aus ihrer Heimat Kempten im Allgäu in die Landeshauptstadt, von dort nach Bietigheim, nach Freudental. Doch auch sie selbst hatte wenig Glück mit ihren Beziehungen. Sieben Jahre war sie mit ihrer ‚großen Liebe‘ zusammen, ohne dass sie den Mann davor bewahren konnte, „ins Heroin abzugleiten“. Vom Vater ihres heute dreijährigen Sohnes trennte sie sich bereits in der Schwangerschaft. Der 52-jährige Bekannte sei keine Beziehung gewesen.

Die Mutterrolle schien ihr bald über den Kopf zu wachsen, nach zwei Jahren kam das kleine Kind in eine Pflegefamilie. Nach ihren Vorstellungen von ihrer Zukunft gefragt, erklärt die 42-Jährige den Prozessbeteiligten, das Kind zur Adoption freigeben zu wollen und in einer „Klinik hoffentlich mal einen Therapeuten zu finden, bei dem ich einiges aufarbeiten kann“. Ihre Angaben zu Drogen- und Alkoholkonsum variierten trotz vieler Nachfragen derart, dass Gericht und Sachverständiger sie auffordern, in Haft darüber ehrlich nachzudenken und ein Suchtprotokoll zu erstellen.

Verletzung unterschätzt

Mit den Erinnerungen an Details tat sich allerdings auch das Opfer schwer. Ja, er habe ein Alkoholproblem gehabt, sei aber ‚vor dem Vorfall in Kur und clean‘ gewesen, generelle Erinnerungslücken aufgrund des Alkoholmissbrauches stritt der 52-Jährige vehement ab. „Wir saßen am Wohnzimmertisch und haben Fernsehen geschaut, auf einmal steht sie aus heiterem Himmel auf, dreht die Flasche Spiritus auf, übergießt mich und zack‘ zündet sie mich an“, berichtete er wiederholt und scheinbar immer noch fassungslos. Währenddessen schreibt die Angeklagte unermüdlich mit, spricht immer wieder mit ihrer Verteidigerin. Der Spiritus sei vom Einkauf noch auf dem Tisch gestanden, weil man an einem anderen Tag habe grillen wollen. Und weil beide starke Raucher sind, seien auch immer ein paar Feuerzeuge auf dem Tisch gelegen. „Ich stand sofort in Flammen, zog aber gleich das brennende T-Shirt aus, nahm meine Jacke und haute ab.“

Erst als seine Schwester zwei Tage später zu Besuch kam, brachte sie den Verletzten in ein Krankenhaus. Für den Arzt war es nicht ungewöhnlich, dass Patienten Brandverletzungen unterschätzten. Der Mediziner beschrieb die Brandverletzungen 2. und 3. Grades vor allem an Kopf, Hals und Oberkörper. Zwar habe der Patient nicht in Lebensgefahr geschwebt, dennoch mussten Fachärzte Haut vom Oberschenkel an die betroffenen Stellen am Hals und Oberkörper transplantieren. „Jetzt ist alles vernarbt, ich bin verstümmelt, bin ein Krüppel“, klagt der 52-Jährige, und möchte das gleich zeigen, was der Vorsitzende Richter abbiegen kann.

 
 
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