Riesen und Ulm liefern sich Playoffkrimi „Das war ein absolut verrücktes Spiel“

Von Andreas Eberle
Riesen-Profi Tekele Cotton (links) zieht dynamisch zum Korb. Jaron Blossomgame stellt sich ihm in den Weg. Der frühere NBA-Spieler der Ulmer ragte im Derby mit 41 Punkten heraus. ⇥ Foto: Avanti/Ralf Poller

Nach zweifacher Verlängerung gewinnen die Riesen Ludwigsburg zum Playoff-Auftakt gegen Ulm mit 104:99. Trainer Patrick spricht von einer neuen Erfahrung. Blossomgame glänzt mit 41 Punkten. Von Andreas Eberle

John Patrick ist schon eine halbe Ewigkeit im Basketball-Geschäft. Bis Samstag glaubte der 54-jährige Trainer der MHP Riesen Ludwigsburg, dort schon alles erlebt zu haben. Doch dann kam Viertelfinalspiel eins der Best-of-Five-Serie gegen Ratiopharm Ulm – und für Patrick die Gewissheit, dass der Sport auch für ihn alten Hasen noch die eine oder andere neue Erfahrung bereithält. „Es war ein absolut verrücktes Spiel heute Abend. In meinen mehr als 20 Jahren als Headcoach habe ich so eine Partie zum ersten Mal gesehen“, sagte der US-Amerikaner nach dem 104:99-Auftakterfolg über den Playoffrivalen von der Donau. Erst um 23.06 Uhr war das Schwabenduell nach einem 50-minütigen Abnutzungskampf zwischen beiden Teams vorbei gewesen.

Trotz der nur 1748 Zuschauer wurde die MHP-Arena zu einem brodelnden Hexenkessel. „Die Atmosphäre war sehr gut“, bestätigte Patrick, der die dürftige Kulisse auf die kurzfristige Ansetzung zurückführte. „Bin Mittwoch spät wusste ja niemand, wann oder gegen wen wir spielen. Ich denke, dass wir nach diesem Spiel nun am Dienstag ein volles Haus haben werden.“

Zwei Verlängerungen, 21 Führungswechsel, mit Gästestar Jaron Blossomgame ein früherer NBA-Profi in Weltklasse-Form, jede Menge Dramatik, entscheidende Treffer in der Crunchtime (von der es diesmal gleich drei gab) – das waren die Zutaten für ein denkwürdiges Spiel, das wohl keiner der Beteiligten und Anwesenden so schnell vergessen wird.

Der Mann des Abends stand allerdings im Team des Verlierers und trug Blau: Jaron Blossomgame verbuchte 41 Punkte und 16 Rebounds. Erst Tekele Cotton konnte den 28-jährigen Forward, der 2018/19 eine Saison für die Cleveland Cavaliers in der NBA aufgelaufen war, zumindest ein bisschen in Schach halten. Zuvor waren der als bester Defensivspieler der Saison ausgezeichnete Justin Simon sowie Yorman Polas Bartolo an dieser Aufgabe gescheitert. 

Radebaugh trifft wichtige Dreier

Da die Ulmer – abgesehen von Sean Evans – ihre vielen Freiwürfe sicher verwandelten und unter den Körben dominierten, führten sie zur Halbzeit mit 46:38. Mit 22:10 lag Ratiopharm bei den Rebounds vorne – die Größenvorteile der Gäste schlugen sich in der ersten Hälfte deutlich nieder. Nach der Pause enteilten die Schützlinge von Trainer Jaka Lakovic gar auf 57:45 (24.). Dann hatte sich Ludwigsburg gefangen und nahm den Kampf auf. Jonah Radebaugh war mit seinen Dreiern maßgeblich an der Wende beteiligt und mit 20 Zählern einmal mehr der Riesen-Topscorer. Erst glich der Point Guard mit einem Distanzwurf zum 59:59 aus (28.). Mit einem weiteren Dreier traf Radebaugh auch zum 83:83 – exakt 10,7 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit.

In der ersten Verlängerung ging’s ebenfalls hoch her. Radebaugh – wer sonst? – warf die Barockstädter mit seinem vierten Dreier mit 90:88 in Front. Diesmal rettete sich Ulm noch in die nächste Zusatzschicht: Sindarius Thornwell vollendete zum 90:90. In der zweiten Verlängerung blieben die Barockstädter cool und erkämpften sich den Sieg – obwohl für die Aktivposten Radebaugh und Cotton nach dem fünften persönlichen Foul vorzeitig Feierabend war.

Lange Nacht für den Trainer

Patrick hatte derweil noch eine lange Nacht vor sich. „Die meisten Coaches können nach einem Spiel nicht schlafen. Der Stress ist groß. Ich frage mich oft, ob das gesund ist, aber wir lieben diesen Sport. Darum sollten wir nicht meckern“, sagte der Riesen-Coach – und verriet, wie er nach so einer Nervenprobe mental runterfährt: mit einem guten Buch und Meditation. Und mit dem Videostudium. Denn sobald er den Zusammenschnitt von seinen Assistenten übermittelt bekommen hat, bereitet Patrick die Videoanalyse für seine Schützlinge vor. Und so erlebte er in der Nacht selbst noch ein zweites Mal das bisher verrückteste Spiel seiner Trainer-Karriere.

 
 
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