Sachsenheimer Ausstellung über Gastarbeiter aus der Türkei Auf ins „Wirtschaftswunderland“

Von Susanne Yvette Walter
Leonie Jordan, Mitarbeiterin im Stadtmuseum, zeigt Exponate der neuen Ausstellung.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Das Stadtmuseum zeigt zusammen mit dem Verein Ditib eine Ausstellung über „60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“.

Inzwischen ist es 60 Jahre her, dass die Bundesregierung gezielt um Gastarbeiter warb. Eine Ausstellung mit alten Koffern, Radios und sonstigen kleinen Utensilien aus der Heimat, mit Videos von den ersten Gastarbeitern, wie sie auf dem Bau ihren Mann standen, erzählt im Kulturhaus Großsachsenheim die Geschichte der ersten türkischen Einwanderer. Die ersten kamen, als 1961 bundesweit das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet wurde, auch nach Sachsenheim. 

Ismet Harbi, der Vorsitzende des türkisch-islamischen Kultur- und Sportvereins Ditib in Sachsenheim, und Dr. Claudia Papp, Leiterin des Kulturhauses, des Stadtachivs und Stadtmuseums, haben sich zusammengetan und im ersten Stock und im Foyer des Kulturhauses in Großsachsenheim eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die auch nach den Feiertagen noch zu den Öffnungszeiten des Kulturhauses vom 9. bis 14. Januar besucht werden kann.

An Bahnhof erinnert

Wer die Ausstellung betritt, fühlt sich an eine Ankunftssituation im Bahnhof erinnert. Koffer voller originaler Erinnerungsstücke verraten viel über die Herkunft ihrer Besitzer. In den originalen Koffern finden sich Mitbringsel aus der türkischen Heimat, zum Beispiel Bilder des Türkei-Gründers Attatürk auf Holz gemalt oder Teller mit islamischen Ornamenten, türkische Zeitungen, persönliche Familienbilder und Fotos aus sechs Jahrzehnten von Stadtfesten, Moscheebesuchen und Festen.

Bereits seit 1955 warb das „Wirtschaftswunderland“ Deutschland vermehrt Beschäftigte aus dem Ausland an, um den Mangel an Arbeitskräften auszugleichen. Entsprechende Verträge wurden mit Italien (1955), mit Spanien und Griechenland (1960) und 1961 mit der Türkei, später mit Portugal (1964) und Jugoslawien (1968) geschlossen. Auch in Sachsenheim arbeiteten jahrzehntelang Beschäftige aus der Türkei beispielsweise bei der Baufirma Wonner oder bei Kienle + Spiess. „Anfang der 1980er-Jahre stellten dort die türkischen Gastarbeiter mit 180 Personen sogar die größte Gruppe an ausländischen Arbeitnehmern“, weiß Ismet Harbi.

Sprung in eine andere Kultur

Kaum einer der Einwanderer dachte damals, dass er sein ganzes Leben im Gastland Deutschland verbringen würde. Kaum einer überlegte sich, dass dieser Sprung in eine andere Kultur, der mit nur einem Koffer begann, auch Konsequenzen für die eigene Persönlichkeitsentwicklung hat. Die Zeitzeugin Huri Yollu erinnert sich so: „Nach der ersten Tochter haben wir gesagt: Nur noch zwei Jahre. So ging es dann bei jedem Kind. Und bei jedem Kind haben wir uns vorgenommen: Nur bis zur 4. Klasse, dann gehen wir zurück in die Türkei.“

Beiden Seiten, den Neuankömmlingen wie Einheimischen, wurde bei diesem Prozess des Ankommens, aber auch des Bleibens, ein großes Maß an Offenheit und Integrationsbemühung abverlangt. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten konnten sich daraus viele persönliche „Erfolgsgeschichten“ entwickeln. Auch Huri Yollu führt weiter aus: „Ich koche zwar immer türkisch, esse aber auch Linsen und Spätzle.“

Kamen zu Beginn vor allem junge Männer nach Deutschland, so zogen später ihre Familien nach und wurden hier heimisch. „Aus Arbeitern auf Zeit wurden Mitbürger. Die türkische Community hat sich in Sachsenheim im türkisch-islamischen Kultur- und Sportverein Sachsenheim e.V. Ditib organisiert, mit eigenem großen Kulturzentrum samt Gebetsraum“, sagt Dr. Claudia Papp. Bei vielen städtischen Festen bereichere der Verein mit kulturellen, musikalischen oder tänzerischen Darbietungen sowie kulinarischen Köstlichkeiten das Stadtleben Sachsenheims.

Der Ditib Sachsenheim und das Stadtmuseum hatten schon einmal ihre Kräfte zusammengelegt:  Das Stadtmuseum hat die Thematik „Gastarbeiter“ sowie „Integration“ bereits 2006 in seiner Ausstellung „Fremde Heimat Sachsenheim? Integration nach 1945“ aufgenommen. Damals konnten Museumsleiterin Papp und der Vorsitzende des Ditib Sachsenheim, Ismet Harbi, türkische Zeitzeugen interviewen und sie zu ihrer Ankunft, ihren ersten Erlebnissen und ihren Erinnerungen fragen.

Zeitzeugen interviewt

Im Ausstellungskatalog von 2006 kann man diese Zeitzeugeninterviews nachlesen. In Auszügen sind sie auch in die laufende Ausstellung „60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“ aufgenommen worden. Thema sind unter anderem Startschwierigkeiten, erste Zukunftspläne und die Integration in eine fremde Kultur. Da es zu Beginn der Ausstellung keine Vernissage gab, wurden kurze Redebeiträge von Ismet Harbi, Dr. Claudia Papp und Bürgermeister Holger Albrich samt Interview mit Albrich auf Video aufgenommen und sind in der Ausstellung zu sehen. 

 
 
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