SGV Freiberg darf eventuell auch bei Saisonabbruch hoch Aufstieg durch die Hintertür?

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Womöglich können David Müller, Marco Grüttner und Dominik Salz (von links) auch bei einem Saisonabbruch den Regionalliga-Aufstieg mit dem SGV Freiberg bejubeln. ⇥ Foto: Ralf Poller/Avanti/Imago Images

Oberliga-Spitzenreiter SGV Freiberg und die Stuttgarter Kickers können auch bei einem Saisonabbruch auf den Sprung in die Regionalliga hoffen. 08 Bissingen spricht sich für Playoffs aus.

Die Aufstiegsfrage in der Oberliga schlägt hohe Wellen. Bei einer Videokonferenz am Freitagabend wurden viele Klubs vom Vorhaben des Württembergischen Fußballverbands (WFV) überrascht, dem Oberliga-Führungsduo SGV Freiberg und Stuttgarter Kickers auch bei einem Saisonabbruch den Regionalliga- Aufstieg zu ermöglichen – mit einer Sonderregelung. „Die meisten von uns standen da wie der Ochs vorm Berg“, berichtet Oliver Dense, Sportlicher Leiter beim FSV 08 Bissingen.

Er war wie die Mehrheit seiner Kollegen davon ausgegangen, dass bei einem Abbruch, der aufgrund der aktuellen Pandemie-Lage inzwischen sehr wahrscheinlich ist, auch die Oberliga-Runde 2020/21 annulliert wird – analog  zu den Klassen von der Verbandsliga abwärts. Als Voraussetzung für eine Wertung gilt, dass mindestens 75 Prozent der Teams einer Liga zumindest die Vorrunde absolviert haben müssen. Bei einer Annullierung sind dagegen gemäß der Statuten in der Regel keine Auf- und Absteiger vorgesehen.

Doch genau der Zusatz „in der Regel“ könnte für die Freiberger und die Kickers nun das Schlupfloch in die Regionalliga sein. „Die Spielordnung gibt dem WFV einen Spielraum. Formaljuristisch gibt es daran nichts auszusetzen“, sagt der Freiberger Sportdirektor Dr. Christian Werner und betont: „Die Kann-Formulierungen stehen schon die ganze Zeit drin. Es ist ja nicht so, dass der Verband plötzlich nachträglich die Spielregeln geändert hat. Ihm das jetzt vorzuwerfen, ist unfair.“

Speziell die Verzahnung zwischen der noch aktiven Regionalliga Südwest und der seit Ende Oktober unterbrochenen Oberliga stellt die Landesverbände vor eine Herausforderung. Sollten von oben einige Absteiger hinzukommen – derzeit kämpfen der FC Astoria Walldorf, 1899 Hoffenheim II und die SG Sonnenhof Großaspach um den Klassenerhalt –, würde zur nächsten Saison das Oberliga-Feld noch weiter aufgebläht. Da bereits in der mit der Quotientenregelung gewerteten Vorsaison auf Absteiger verzichtet wurde und vier Aufsteiger aus den Verbandsligen aufgerückt sind, spielen schon jetzt 21 Mannschaften im baden-württembergischen Oberhaus.

Die Vertreter der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar haben bereits bekannt gegeben, den Tabellenführer und Tabellenzweiten für die Regionalliga zu melden. Dies setzt nun auch die drei Verbände im „Ländle“ – den WFV, den BFV (Baden) und den SBFV (Südbaden) – unter Druck. „Es geht um eine Gleichbehandlung der Vereine. Wenn Rheinland-Pfalz/Saar seine Teams hoch lässt, muss das auch für die Klubs in Baden-Württemberg gelten. Wir dürfen nicht schlechter gestellt werden“, sagt Werner.

Kritik an der Kommunikation

„Das Geschmäckle an dem Thema ist, dass bisher immer klipp und klar besprochen war – und es auch so kommuniziert wurde –, dass es bei einer Annullierung keine Aufsteiger gibt. Aus meiner Sicht verliert der Verband so ein Stück Glaubwürdigkeit“, sagt Dense und spricht von einer „äußerst unglücklichen Kommunikation“ – auch wenn er „von der Sache her dabei“ sei, wie der 08- Funktionär durchblicken lässt. Mit einem Aufstieg des Lokalrivalen  habe er ebenfalls keine Schwierigkeiten: „Freiberg steht in dieser Saison sportlich über allem und hätte ihn verdient.“

Anders sehen die Bissinger den Fall der zweitplatzierten Kickers, die dem WFV-Plan zufolge an einer etwaigen Relegation teilnehmen dürften. „Viele Vereine hätten ein Problem damit, wenn man auch dem Zweiten den Aufstieg schenkt“, meint Dense. Er unterstützt darum einen Vorschlag des FC Nöttingen, der eine Mini- Playoffrunde auf neutralem Platz ins Spiel gebracht hat, um einen weiteren Aufsteiger respektive einen Relegationsteilnehmer zu ermitteln. So könnte zum Beispiel der Fünfte (Nöttingen) in einem Halbfinale auf den Zweiten (Kickers) und der Dritte (Göppingen) auf den Vierten (Bissingen) treffen. „Das wäre eine sportliche Lösung im Sinne der Gleichberechtigung. Die Spielordnung sieht ausdrücklich auch alternative Modelle vor – und bis zum 20. Juni wäre noch genug Zeit, um innerhalb einer Woche so ein Turnier auszutragen“, sagt Dense. Von derlei Überlegungen hält sein SGV-Kollege Werner allerdings nichts: „Dann könnten wir ja gleich die noch sieben fehlenden Punktspiele bis zum Ende der Hinserie bestreiten.“ Bis Mittwoch haben die Klubs nun Gelegenheit zu einer Stellungnahme.

In seiner Sitzung am 9. April berät der WFV-Beirat darüber, inwiefern eine Fortsetzung der Saison und eine sportliche Wertung noch realistisch sind. Momentan sieht es nicht danach aus, dass der Spielbetrieb wie erhofft bis spätestens 9. Mai wieder aufgenommen werden kann. Zumal den Mannschaften nach der monatelangen Zwangspause noch eine drei- bis vierwöchige Vorbereitung zugestanden werden soll. Also bleibt wohl nur die Annullierung – und die könnte zumindest im Fall der Freiberger und der Stuttgarter Kickers doch noch ein Happy End haben.

WFV-Pokal: Halbfinale wird am Dienstag ausgelost

Trotz der schwierigen Umstände infolge der Corona-Pandemie  will der WFV zumindest den Pokal-Wettbewerb der aktuell unterbrochenen Saison 2020/21 sportlich zu Ende bringen. Der Sieger darf dann am DFB-Pokal der neuen Spielzeit 2021/22 teilnehmen. Bereits am Dienstag (12 Uhr) wird das Halbfinale ausgelost. Die Auslosung wird im Internet unter dem Link https://app.livewebinar.com/auslosung-db-regio-wfv-pokal-halbfinale live übertragen. Noch im Wettbewerb vertreten sind der SSV Ulm 1846, die TSG Balingen (beide Regionalliga), der Oberligist Stuttgarter Kickers sowie der Gewinner des letzten Viertelfinales zwischen den Oberligisten SSV Reutlingen und FSV 08 Bissingen. Einen Zeitplan für die Spiele gibt es noch nicht.

 
 
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