Stiftungsfest im Freudentaler PKC „Demokratie steht und fällt mit den Menschen“

Von Dietmar Bastian
Sibylle Thelen von der Landeszentrale für politische Bild sprach beim Stiftungsfest der Freudentaler PKC am Sonntag. Foto: /Oliver Bürkle

Sibylle Thelen, die Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung, hielt am Sonntag im Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental die Stiftungsrede.

Das Jahr 2023 kann als „Jahr der Erinnerungen“ gelten. Vor 90 Jahren ergriffen Hitler und die Nazis die Macht, vor 75 Jahren verkündete Eleanor Roosevelt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die für die Menschen auf der ganzen Welt zum Wegweiser und Bezugspunkt beim Kampf um ein menschenwürdiges Leben ohne Angst und Schrecken wurde. Und es sind exakt 300 Jahre, seitdem sich jüdisches Leben in der Gemeinde Freudental nachweisen lässt, was das Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental (PKC) mit vielen Veranstaltungen feiert. Beim diesjährigen Stiftungsfest des PKC hielt Sibylle Thelen, die Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LPB), die Stiftungsrede.

Thelen referierte unter der Überschrift über „Der Zustand unserer Demokratie. Anforderungen an die politische Bildungsarbeit“. Die LPB-Direktorin ging in ihrer Rede drei Leitfragen nach: Wie steht es aktuell um die Staatsform der Demokratie weltweit beziehungsweise welches sind die Krisen, die eine Demokratie behindern? Welche Herausforderungen stellen sich hieraus? Und drittens: Welche Handlungsmöglichkeiten haben wir beziehungsweise was können wir tun, um die Demokratie zu stärken?

Rückzug ins Private

Seit Beginn der dritten Demokratiewelle in der jüngeren Geschichte um das Jahr 2000 herum stehe diese Regierungsform unter massivem Druck. Nur 13 Prozent der Weltbevölkerung lebe aktuell in einer realen Demokratie, 17 Prozent in einer gefährdeten Demokratie und 70 Prozent würde autoritär regiert. Thelen referierte über die Verlockungen des Autoritären, über Politikverdrossenheit und eine wachsende Gleichgültigkeit in der deutschen Bevölkerung und über einen Rückzug ins Private.

Gefährlich sei es, dass viele Menschen in westlichen Staaten vom Grundsatz her zwar mit der Demokratie als Staatsform zufrieden seien, nicht aber mit ihrer aktuell praktizierten Form. Weiter ging es um den Einflussverlust der Printmedien und die Gefahren der digitalen Parallelwelt durch Fake-News, Hass und Hetze im Vortrag der LPB-Direktorin beim Stiftungsfest.

Islamismus, Rechtsextremismus, Linksextremismus, Homophobie und einiges Andere seien – neben dem Krieg in der Ukraine, der im Moment alles dominiere – die Herausforderungen dieser Tage. „Wir brauchen das Gespräch über Demokratie, wir müssen begreifen, dass sie die einzige Staatsform ist, die man erlernen muss“, resümierte Thelen.

Was wir tun können, ja tun müssen, so die Rednerin weiter: Eine werteorientierte Bildung forcieren, den Austausch über Politik am Leben erhalten – gerade bei Kindern und Jugendlichen. Weiter sei es eine Kernaufgabe politischer Bildung, die Konflikt- und Kritikfähigkeit junger Menschen zu erhöhen und ihre Lösungskompetenzen zu stärken.

Auftrag an jede Generation

Eine bedeutsame Rolle falle schließlich auch der Vermittlung der Demokratiegeschichte zu, auch, um alte Fehler nicht immer und immer wieder zu begehen. Als konkrete Schritte in Richtung Demokratie nannte die Referentin die Übernahme von Mitverantwortung und ehrenamtliches Engagement, etwa in Vereinen, einer Partei oder im persönlichen Kontext, menschliches Denken und Handeln und die Akzeptanz von Vielfalt. Zusammenfassend stellte Thelen fest, dass es keine „fertige“ Demokratie gebe, sondern diese als Dauerauftrag an jede neue Generation übergehe.

„Eigenen Horizont erweitern“

Bereits in seiner Begrüßung hatte der Bönnigheimer Bürgermeister Albrecht Dautel in seiner Funktion als Vorsitzender des PKC Freudental vom „Lernziel Demokratie“ gesprochen, und davon, dass es in der Zeitenwende (dem Wort des Jahres 2022) gelte, den Blick auf das weltpolitische Geschehen zu schärfen und den eigenen Horizont zu erweitern.

Felice und Finn Ljepojevic, Annika Pauer und Lisa Deisinger, Preisträgerinnen und Preisträger der Musikschule Besigheim, oblag die musikalische Umrahmung der Feierstunde. Die Wahl, drei Klarinetten und ein Klavier spielen zu lassen, erwies sich als besonders passend, denn kein anderes Instrument vertritt das jüdische Musikempfinden besser als die Klarinette.

 
 
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