Tag des Handwerks in Bietigheim-Bissingen Die Mär vom müden Bäcker

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Zum Tag des Handwerks gewährt die Bietigheim-Bissinger Bäckerei Stöckle der BZ einen Blick hinter die Kulissen (von links) Geschäftsführer Steffen Mahl, Bäcker Manfred Jaksch, der vor 50 Jahren bei Stöckle anfing, und Lehrling Marvin Kunze. ⇥ Foto: Oliver Bürkle

Im Gespräch mit der BZ erzählen Stöckle-Mitarbeiter, warum Freunde wegen ihrer Arbeitszeiten neidisch sind und warum auch das Vorurteil vom Knochenjob nicht mehr stimmt.

Vor 50 Jahren fing Manfred Jacksch eine Bäckerlehre bei Stöckle in Bietigheim an und ist dem Unternehmen bis heute treu geblieben. Sein Kollege Marvin Kunze aus Bissingen ist erst im zweiten Lehrjahr. Gemeinsam mit Stöckle-Geschäftsführer Steffen Mahl haben sie mit der BZ anlässlich des heutigen Tags des Handwerks über ihren Beruf gesprochen und über das falsche Image, das dazu führt, das die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in der Branche gering ist.

Wie in anderen Sparten hat auch das Handwerk einen Fachkräftemangel zu verzeichnen. Vor allem in den lebensmittelverarbeitenden Berufen wie Metzger oder Bäcker sowie bei den dazugehörigen Verkaufsberufen gibt es bundesweit immer wieder einen höheren Bedarf als Bewerber.

Image des Bäckerberufs

„Als Branche haben wir schon ein Image, das nicht so ganz passt“, muss auch Steffen Mahl attestieren. Gerade beim Bäcker schrecken viele junge Menschen vor allem die Arbeitszeiten ab. „Viele wollen auch nichts mehr mit der Hand machen und lieber im Büro sitzen“, sagt Mahl. Und dass obwohl zum einen die Arbeit in der Backstube heute weit weniger Kräftezehrend ist als früher. Außerdem wären aus seiner Sicht viele viel besser in einem handwerklichen Beruf aufgehoben, als sie selbst glaubten.

Bei Kunze und Jacksch passt die Berufswahl auf jeden Fall. „Eigentlich hatte meine Mutter mir schon eine Lehrstelle als Koch organisiert. Das wollte ich aber nicht und hab mich kurzentschlossen auf mein Fahrrad geschwungen und bin zum Stöckle gefahren“, erinnert sich Jacksch an seinen Einstieg ins Bäckerhandwerk. Damals hatte im Stammhaus noch Mahls Großvater das Sagen und gab dem spontanen Jungen aus Ingersheim gleich die Leerstelle.

Ganz so einfach läuft das heute nicht mehr, erzählt Kunze. Aber auch er habe schon immer eine Verbindung zu Stöckle gehabt und deshalb zunächst ein Praktikum gemacht. Für den Bissinger kam dann später kein anderer Ausbildungsbetrieb in Frage. An den Rahmenbedingungen der Ausbildung hat sich im Übrigen in den fünf Jahrzehnten wenig geändert. Wie damals ist heute einmal pro Woche Berufsschule angesagt und wie damals fängt man im ersten Lehrjahr um 6 und im zweiten um 5 Uhr an. „Meine Kumpels fanden meine Ausbildungswahl erst nicht so toll, jetzt sind sie aber neidisch, weil ich immer viel früher Feierabend habe als sie“, sagt Kunze.

Schichtbeginn um 3 Uhr

Auch bei Jaksch, der um 3 Uhr nachts anfängt, merkt man nichts von Schlafentzug: „Ich komme gut damit klar und gehe meist zwischen 22 und 22.30 Uhr ins Bett.“ Nach seinem Feierabend um 10.30 Uhr fährt er nach Hause nach Löchgau und schläft ein paar Stunden. „Dann habe ich den ganzen Tag zur Verfügung“, freut sich Jaksch. Die größten Veränderungen im Beruf hätten sich durch die Technik ergeben. Maschinen ersetzen viele zum Teil monotone oder anstrengende Handgriffe. Zu dem gibt es, wie Mahl berichtet, inzwischen strengere rechtliche Rahmenbedingungen. Das früher noch alltägliche Schleppen von 50-Kilo-Säcken sei heute gar nicht mehr erlaubt.

Ein bisschen Wehmut schwingt bei Jacksch aber mit, wenn er auf seine Lieblingstätigkeit angesprochen wird. „Das war das Brezelformen“, sagt er. Was früher von Hand gemacht wurde, übernehme heute eine Maschine. Mahl erklärt, dass dies wegen der schieren Menge und dem Zeitaufwand heute eben anders geregelt sei: „Diese Arbeit macht vielleicht mal ein, zwei Stunden Spaß, danach geht es aber in die Knochen.“

Jacksch hat seine spontane Entscheidung vor 50 Jahren nicht bereut und auch Kunze stimmt ihm zu. Man habe gute Arbeitszeiten, sehe was man mit eigenen Händen gemacht habe und das bereite den Kunden Freude. Ob Kunze auch ähnlich lange beim Handwerk bleibt? „So weit plane ich nicht, aber es wäre schön.“

 
 
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