Um 1848 gab es schon Zweifel an Impfungen Historischer Impfgegner aus Bietigheim

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Dr. Carl Georg Gottlob Nittinger wehrte sich wortgewaltig gegen die Pockenschutzimpfung.⇥ Foto: Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen

Der gebürtige Bietigheimer Arzt Dr. Carl Georg Gottlob Nittinger war um 1848 ein erbitterter Gegner der Impfpflicht und verstand sich als Kämpfer gegen die Impfvergiftung des württembergischen Volkes.

Die Skepsis gegenüber Impfungen, wie jetzt bei den Corona-Schutzimpfungen, ist nicht neu. Bereits vor mehr als 170 Jahren wehrten sich Impfgegner gegen die Pockenschutzimpfung. Allen voran der gebürtige Bietigheimer Arzt Carl Georg Christoph Nittinger. Vor allem der 1818 in Württemberg eingeführte Impfzwang gegen die Pocken trieb Carl Georg Nittinger auf die Barrikaden und machte ihn zu einem erbitterten und wortgewaltigen Gegner der Pockenschutzimpfung.

Die Pocken sind eine für den Menschen gefährliche und lebensbedrohliche Krankheit. Pocken können durch Tröpfcheninfektion wie durch Husten oder auch bereits durch das Einatmen von mit Pocken kontaminiertem Staub auf den Menschen übertragen werden. Bis Ende des 18. Jahrhunderts starben in Europa beinahe zehn Prozent aller Kleinkinder an den „Kindsblattern“ genannten Pocken. Schätzungen zufolge starben damals jährlich bis zu 400 000 Menschen weltweit an den Pocken.

Erste Impfung im Mai 1796

Der englische Arzt Edward Jenner beobachtete zu dieser Zeit, dass Menschen, die mit den harmloseren Kuhpocken infiziert waren, danach nicht mehr an den Pocken erkrankten, also immun waren. Daraufhin impfte Jenner am 14. Mai 1796 einen Jungen mit Kuhpocken-Eiter. Dies war sozusagen die Geburtsstunde nicht nur der Pockenimpfung, sondern der Impfung überhaupt.

Da der Impfstoff von Kühen stammte, nannte Jenner den Impfstoff Vaccine, in Anlehnung an die lateinische Bezeichnung für Kuh (vacca) und die Technik des Impfens demzufolge „vaccination“. Diese damals revolutionäre Erkenntnis und Vorgehensweise rief relativ schnell Impfgegner auf den Plan. Bereits 1807 führten das Königreich Bayern und das Großherzogtum Hessen die Impfpflicht ein. Im Königreich Württemberg wurde der Impfzwang am 25. Juni 1818 eingeführt. Viele Ärzte waren misstrauisch gegenüber dieser neuen Behandlungsmethode.

Der aus Bietigheim stammende Arzt Dr. Carl Georg Gottlob Nittinger machte sich um 1848 als erbitterter Impfgegner einen Namen. Nittinger störte sich vor allem an dem Impfzwang, den die Obrigkeit damals ausübte. Seine Argumente publizierte der Bietigheimer über zahlreiche Bücher, darunter ein Werk mit dem Titel „Über die 50-jährige Impfvergiftung des württembergischen Volkes“, das sozusagen das Standardwerk der Impfgegner wurde.

Der frühere Bietigheim-Bissinger Stadtarchivar und heutige Kulturamtsleiter Stefan Benning recherchierte die Geschichte Nittingers und stieß auf rund 20 weitere agitatorische Werke Nittingers, in denen er Edward Jenners Veröffentlichungen als „Ausschussbuch von Krankengeschichten“ titulierte, die aus etlichen „mit Schaum aus der Barbierschüssel überdruckten Blättern gewelkten Lumpenbreis“ bestünden. Der wortgewaltige Bietigheimer Arzt Nittinger wurde nicht müde, den schädlichen Einfluss der „Vaccination“ (Impfung) auf das Bevölkerungswachstum, die Wehrtüchtigkeit und die Lebenserwartung des Einzelnen zu betonen.

In einer 1874 erschienenen Biografie über Carl Georg Gottlob Nittinger ist zu lesen, dass weder Autoritätsglaube, Polizeistrafen, Confiscationen (Beschlagnahmungen), Auspfändungen, noch Hohn, Spott, Enttäuschungen aller Art imstande waren, den militanten Bietigheimer Impfgegner von der Bahn, die er einmal für richtig erkannt hatte, abzubringen.

Die württembergische Ärzteschaft ließ sich mehrheitlich nicht von seinen oft provokanten Thesen beeindrucken. Dadurch ließ sich Nittinger jedoch nicht entmutigen. Ganz im Gegenteil, er erhob seine Stimme in Wort und Schrift im In- und Ausland nur umso lauter, ist in der Biografie zu lesen. Das Feld Nittingers agitatorischer Tätigkeit erweiterte sich und dehnte sich auf beinahe ganz Europa aus. Nittinger war davon überzeugt, dass die Pocken beziehungsweise Blattern temperaturabhängig auftraten, und hielt auf 50 Seiten die Temperaturen der Jahre 1800 bis 1850 fest, um zu belegen, wie alle Blatternjahre in die „niedere Zone fallen und in den mittleren und oberen Wärmeregionen keine epidemischen Pocken mehr vorkommen“.

Ehrengast bei 500-Jahr-Feier

Nittinger hat, so Stefan Benning, zeitlebens nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt Bietigheim verloren. Nittinger schenkte 1853 der Stadtkirche eine prächtig ausgestattete Festtagsbibel, ein furniertes Lesepult und ein Bild von Jerusalem. 1864 lud der Bietigheimer Magistrat Nittinger als Ehrengast zur 500-Jahr-Feier der Stadt ein. Nittinger stiftete einen Ratssessel mit den Emblemen des Friedens. Nach einem reichbewegten Leben voll Kampf und Arbeit starb Carl Georg Gottlob Nittinger am 8. März 1874.

In seiner kurz nach seinem Tod erschienenen Biografie ist zu lesen, dass die meisten seiner Werke bereits überholt seien. „So wird bei allen seinen der Sachen nicht zuträglichen, übrigens manchmal auch durch die Kampfweise der Gegner provozierten Ungehörigkeiten und vor allem bei seiner bis zum Fanatismus gehenden Leidenschaftlichkeit doch der Name Nittingers in den Annalen der Impfgegner als eines ihrer bahnbrechendsten, überzeugungstreuesten und energischsten Vorkämpfers, nicht minder als eines echten „self made man“ und eines Originalmenschen fortleben. Über seine Grundanschauungen selbst läßt sich aber erst dann ein endgültiges Urteil abgeben, wenn einmal – vielleicht erst in ferner Zeit – die fortschreitende Wissenschaft in einer bis jetzt noch so offenen und ungelösten Frage, wie es das Impfen ist, das letzte entscheidende Wort gesprochen haben wird.“

1871 starben in Württemberg noch 1130 Menschen an den Pocken. Die Britin Janet Parker starb am 18. September 1978 als letzter Mensch an den Pocken. Janet Parker war Fotografin und hatte sich in einem Forschungslabor in Birmingham, an dem Pocken untersucht wurden, über die Lüftungsanlage infiziert.

Am 8. Mai 1980 stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell fest, dass die Pocken ausgerottet sind. Dafür wurden weltweit 2,4 Milliarden Impfdosen von rund 200 000 Helfern verabreicht. Kostenpunkt: rund 300 Millionen Dollar.

 
 
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