Die Rückkehr der Musik Postkartengrüße aus der Pandemie

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Fotograf Reiner Pfisterer hat mit den Fotos seines Projekts „Die Rückkehr der Musik“ fünf Postkartensets gestaltet und die Kultur in der Pandemie dokumentiert. ⇥ Foto: Martin Kalb

In der auftrittslosen Zeit hat der Bissinger Fotograf Reiner Pfisterer mit der Kamera nach Spuren der Kultur gesucht.

Lockdown, Auftrittsverbot, keine Konzerte, keine Musik. Im März 2020 traf die Pandemie die Veranstaltungsbranche wie ein Schlag ins Gesicht. Nichts ging mehr. Da erschien dem Bissinger Fotografen Reiner Pfisterer im April 2020 ein zufällig erlebtes Konzert zweier Musiker des Stuttgarter Kammerorchesters in einem Altenheim wie ein winziges Licht am Ende des Tunnels. Die Idee, mitten im Lockdown nach kulturellen Lichtblicken zu schauen, war geboren. „Die Rückkehr der Musik“ nannte der Bissinger sein Fotoprojekt.

Erst lokal, dann in ganz Deutschland

Nach diesem Tag im April 2020  hat sich Pfisterer auf die Suche gemacht, wo die Kultur sich einen Raum erkämpft hat. „Zuerst habe ich ganz lokal, in der Nähe gesucht, dann in ganz Baden-Württemberg und dann in ganz Deutschland“, so Pfisterer. 320 außergewöhnliche Konzerte hat er fotografiert. Jeden zweiten Tag, so sagt er, war er auf einem Konzert. Mal ohne Zuschauer, mal mit 99, mal eine Aufzeichnung eines Konzertes für das Streaming. „Mir ging es nicht darum, nur Profis zu fotografieren, sondern überall da zu sein, wo trotz Lockdown sich die Musik eine Bühne erkämpft hat“.

Er selbst bezeichnet sich als „Chronist einer unwirklichen Zeit“. „Mir ging es auch darum, eine Branche sichtbar zu machen, die unter dieser Pandemie sehr stark leiden musste“, sagt Pfisterer. Im September 2020 machte er aus den ersten Fotos ein Postkartenset mit 15 Fotografien. Mittlerweile sind es fünf Sets, die eine Chronolgie und Entwicklung der Kultur in diesem zwei Pandemie-Jahren zeigt.

Natürlich ist das Auslöserfoto für das Projekt mit den Musikern des Stuttgarter Kammerorchesters die erste Postkarte. Es folgen Aufnahmen von Videoaufzeichnungen im Scala, das sehr früh mit dem Streaming von Konzerten begann. Bei den Schlossfestspielen fotografierte er ein Konzert im Ordenssaal, das im Juni 2020 vor wenigen, weit auseinander sitzenden Zuschauern stattfinden konnte.

Das folgende Postkartenset zeigt die Situation im Winter 2020/21, den neuerlichen Lockdown: eine leere Reithalle in der Karlskaserne beim Ameint Lab Festival, die Fantastischen Vier in leerer Halle in Hamburg, das Scala mit Weihnachtsbaum auf der Bühne, aber ohne Zuschauer und Künstler. Dann ein Wiederaufflammen der Kultur: Der Musikverein Bissingen spielt auf der grünen Wiese, der Ludwigsburger Chor Abendsterne probt in einer Tiefgarage, damit der nötige Abstand zwischen den Sängern gewährleistet ist. Das Kartenset beschließt das Foto der Künstler Israel Galvan und Nino de Elche, die sich am Ende der Vorstellung im Großen Haus in Stuttgart verneigen. Es war der 1. November 2020 – der Abend vor dem zweite großen Lockdown  – das erneute Ende der Musik.

Im Frühjahr 2021 dann wieder Aufbruchstimmung: Die Fotoreihe zeigt eindrücklich, wie kreativ sich die Künstler und Veranstalter zeigten, um die Öde leerer Veranstaltungsräume zu durchbrechen und in einer schweren Zeit Musik zu den Menschen zu bringen. Da gab es Strandkorb- und Liegestuhlkonzerte, Konzerte im Autokino, im Freien oder im Fußballstadium.

Das Projekt in seiner Länge und chronologischen Abfolge ist einzigartig, in mehrerlei Hinsicht: Niemand hat die „Rückkehr der Musik“ so kontinuierlich mit der Kamera verfolgt. Es ist eine Dokumentation des kulturellen Wiederaufflackens und damit auch eine Hommage an alle Kulturschaffenden, die sich nicht von der Pandemie beherrschen lassen wollten. Das Potenzial von „Die Rückkehr der Musik“ sahen auch das Popbüro Stuttgart und Ministerium für Kunst und Kultur des Landes Baden-Württemberg, die bis zum vierten Postkartensets das Projekt sponserten. Das fünfte Set finanzierte Pfisterer privat. Jetzt soll noch ein sechstes Set erscheinen.

Projekt ist eine Herzenangelegenheit

„Das Projekt ist mir einfach wichtig und eine Herzensangelegenheit“, sagt er. Jetzt aber sei es beendet. „Konzerte sind ja in vollem Umfang zurück auf der Bühne, damit kommt das Projekt zum Abschluss, die Einmaligkeit wird dann auch nicht mehr gegeben sein“, so Pfisterer, der mit „Der Rückkehr der Musik“ überregional mediales Interesse bekam, selbst ein Interview im „Spiegel“ befasst sich mit dem Projekt.

Neben den Postkartensets, die kostenlos an vielen Veranstaltungsorten ausliegen, hat Pfisterer Ausstellungen mit den Fotos gemacht und auch ein Fotoband ist geplant. Viele der Fotos sind auch auf Pfisterers Kanälen auf Instagram und Facebook veröffentlicht. „Ich möchte nicht nur, dass mein Projekt wahrgenommen wird, sondern auch gesehen wird, was die Pandemie mit den Künstlern machte und wie sie versuchten, die Musik zurück zu den Menschen zu bringen.“

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