Gymnasium Klares Votum für G9

Von Gabriele Szczegulski
Das neunjährige Gymnasium würde den Schülerinnen mehr Zeit zum Lernen lassen, was viele auch brauchen, sind sich die Schulleiter der Gymnasien in der Region einig. Foto: dpa/Armin Weigel

Von G8 wieder zu G9: Das Kultusministerium will die Zeit bis zum Abitur um ein Jahr verlängern, aber mit neuem Konzept. Wie kommt das in den Schulen an?

Für die Zukunft des Gymnasiums, so sagt der Schulleiter des Alfred-Amann-Gymnasiums in Bönnigheim, Achim Salomon, sei die Frage nach Wiedereinführung eines „modernen neunjährigen Gymnasiums von großer Bedeutung“. Bildung und Reife brauchten Zeit, deswegen empfinde er die Überlegungen als eine sinnvolle Entwicklung. Ein neues neunjähriges Gymnasium könne mehr Raum für vertieftes Wissen, eine breitere Bildung und mehr Möglichkeiten zur persönlichen und sozialen Entwicklung bieten.

Zielsetzung des G8 wurde verfehlt

Das achtjährige Gymnasium sei für die Schülerinnen und Schüler aktuell eine solide Bildungsgrundlage, so Salomon. Die komprimiertere Vermittlung von Inhalten und Kompetenzen und die frühere Berufseinstiegszeit von Studienabgängern waren Haupt-gründe für die Umstellung auf G8. Nach der Umstellung waren die Abiturientinnen und Abiturienten zwar etwas jünger, aber viele hätten nicht sofort ein Studium aufgenommen, was dazu geführt hat, dass die Zielsetzung, die Studienzeit früher beginnen zu lassen, verfehlt wurde.

Auch wurde von Universitäten und Hochschulen rückgemeldet, sagt Salomon, dass einem Teil der Studierenden noch die notwendige Reife und Selbstständigkeit fehle und somit kein Studienzeitgewinn vorhanden sei. „Die Umstellung von G9 auf G8 hat dem Bildungssystem also nicht die gewünschten Vorteile erbracht“, sagt der Gymnasiallehrer. Ein neunjähriges Gymnasium würde mehr Flexibilität bei der Gestaltung des Lehrplans ermöglichen, um den individuellen Bedürfnissen und den unterschiedlichen Entwicklungsschritten der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden und hätte das Potenzial, die gesellschaftlichen Kompetenzen der Jugendlichen wieder verstärkt zu fördern, sagt Salomon.

Aber er führt auch die fehlenden Ressourcen an. „Schon heute kämpfen wir mit zu wenig Lehrpersonal und zu viel Unterrichtsausfall. Dieses aktuelle, grundsätzlich strukturelle Problem muss gelöst werden, sonst wird auch ein neues G9 nicht den gewünschten Erfolg bringen.“ Auch die Verursachung hoher Kosten gehe mit der Einführung einher. „Auch wird es dann in Baden-Württemberg einen Jahrgang ohne Abitur geben. Dies wird Ausbildungsbetriebe und Hochschulen vor große Herausforderungen stellen“, sagt Salomon.

Er schlage für ein erfolgreiches neunjähriges Gymnasium flexiblere und entschlackte Lehrpläne vor. Verbindlich müsse das Ganztagsgymnasium eingeführt werden. Neben dem Unterricht sollen außerschulische Aktivitäten, kulturelle Angebote und sportliche Möglichkeiten gefördert werden. Die Integration moderner Lehrmethoden und Technologien sei unumgänglich. Die Berufsorientierung müsse intensiviert werden.

„Bisher haben wir in Sachsenheim die Meinung vertreten, dass G8 als Ganztagsschule sehr tragfähig ist. Wir konnten Unterstützungsangebote entwickeln mit Stundenangeboten, wir haben ein Lernmentorenprogramm aufgelegt. In dieser Ausprägung denken wir, dass sich unser G8 durchaus bewährt hat“, sagt der Schulleiter des Lichtensterngymnasiums Sachsenheim, Helmut Dinkel. Klar sei aber, dass es zu einer Verdichtung der Schulwoche führe. Eine zusätzliche Klasse diene, so Dinkel, der Reifung im Prozess des Erwachsenwerdens.

Lehrermangel ist ein Hemmnis

Voraussetzungen für die Rückkehr zu G9 wären seiner Meinung nach die notwendigen Gegebenheiten der vorhandenen Raumkapazitäten und die Versorgung mit ausgebildeten Lehrkräften.

„Wenn man von den aktuellen Ergebnissen der Vergleichsstudien ausgeht und die gesellschaftlichen Veränderungen betrachtet, dann halten wir es für gut, die aktuellen Schulstrukturen zu überdenken“, sagen Ingo Knesch und Nicole Stockmann, Schulleiter der Ellental-Gymnasien in Bietigheim-Bissingen. „Wir sehen auch am Gymnasium, dass mehr Zeit zu lernen sowie Raum für die Auseinandersetzung mit anderen Kompetenzen sinnvoll und gut ist“. Ob es dazu G9 brauche oder eine Veränderung in G8 dies auch ermögliche, sollte ihrer Meinung nach geprüft werden.

Gedrängter Unterricht in G8

Es gebe Aspekte in der aktuellen Gestaltung des achtjährigen Gymnasiums, die kritisch überprüft werden müssten. Besonders die Klassenstufen 8 bis 10 seien aktuell mit vielen Unterrichtsstunden und –inhalten gedrängt.

Die Elternbeiratsvorsitzenden der Ellentalgymnasien Bietigheim-Bissingen, Stefan Ridders und Heike Schlegel, befürworten die Rückkehr zu einem neunjährigen Gymnasium. Der zu vermittelnde Schulstoff habe sich nicht wesentlich durch die Einführung des G8 verringert und die Schülerinnen und Schüler müssten auf Kosten ihrer Freizeit, allen Stoff schneller lernen. Eine Überlegung, so die beiden Elternbeiratsvorsitzenden, sollte sein, ob mit der Wiedereinführung von G9 die Grundschulempfehlung zurückkomme, um auch alle Schularten halten zu können.

Leanne Schultz ist Schülersprecherin am Alfred-Amann-Gymnasium in Bönnigheim. „Als 16-jährige Schülerin kannte ich bislang unser Gymnasium nur mit dem System des G8“, sagt sie. Nachdem bekannt wurde, dass die Landesregierung ein neues G9 einführen will, habe sie sich mit dem Thema beschäftigt. „Ich sehe nur Vorteile für die Schüler im G9“, ist ihr Fazit.

Zum einen werde der vorgesehene Lernstoff über einen längeren Zeitraum gelehrt, was vor allem die Schüler entlaste. Dadurch bräuchte es weniger Nachmittagsunterricht und es gäbe mehr Zeit für Hobbys, welche auch zur Identitätsfindung beitragen, sagt die 16-Jährige. „Immer mehr Schüler stehen unter enormen Leistungsdruck, welcher auch die mentale Gesundheit negativ beeinflusst. Um dies zu umgehen, ist die Einführung des neunjährigen Gymnasiums meiner Meinung nach notwendig.“

Schon mit 17 Jahren müssen viele langfristige Entscheidungen für ihre Zukunft treffen, was zum Beispiel zu Studienabbrüchen führe. Voraussetzung für ein G9 wäre für sie, dass die Schule genügend Kapazitäten habe. So bräuchte es Platz, die Lehrer und das Geld, um eine weitere Stufe zu versorgen. „Dieser Bedarf muss erst abgedeckt werden“, so Leanne Schultz.

 
 
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